22. September 2026

Der Oppositionsreflex

Sagt dir dieser Begriff etwas: Oppositionsreflex? Es beschreibt die Tatsache, dass ein Fluchttier intuitiv genau das Gegenteil von dem tut, was das Raubtier möchte. Die Reaktion des Fluchttieres wirkt dem Druck entgegen und drängt in ihn hinein, statt ihm auszuweichen. Es ist eine Reaktion zur Selbstverteidigung, denn Pferde haben insbesondere in Gegenwart eines Raubtieres instinktiv Angst zu sterben!

Was das jetzt mit uns und den Pferden zu tun hat? Eine ganze Menge!
Wir wissen, dass Pferde Fluchttiere sind. Aber ist dir bewusst, dass wir Menschen Raubtiere sind? Selbst wenn wir kein Fleisch essen sind wir per Definition genau das, genau genommen sogar die ultimativen Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette. Pferde wissen das sofort wenn sie uns sehen. Wir haben engstehende Augen um unsere Beute zu fokussieren, die Ohren angelegt, riechen nach dem was wir essen und denken & bewegen uns direktlinig. Wir haben Hände, die schnell zupacken / sich schnell schließen und nur schwer & langsam wieder öffnen. All unsere Reflexe funktionieren im Prinzip über zumachen: wenn wir uns erschrecken, halten wir die Luft an oder kauern uns zusammen. Auf einem Pferd klammern wir mit den Beinen und ziehen an den Zügeln.
Pferde sind ganz anders. Sie haben die Augen seitlich am Kopf für eine möglichst umfassende Sicht und auch die anderen Sinne ermöglichen es ihnen extrem aufmerksam gegenüber möglichen Gefahren zu sein. Wenn ihnen etwas unsicher erscheint, fliehen sie unverzüglich. Nur wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen und keine Flucht mehr möglich ist, kämpfen sie.
Eine ziemlich schwierige Kombination, oder?

Als ich im Externship auf Parelli Landing war durften wir Pat bei seiner ersten Session mit einem Hengst zuschauen. Es hat mich sehr beeindruckt. Das Pferd war noch nicht allzu viel gehandelt und hatte sehr viel eigene Meinung, man konnte ihm an der Nasenspitze ansehen, dass es nicht schwer wäre mit ihm zu streiten. Pat hatte ihn am 7m langen Seil und nicht einmal einen Stick in der Hand. Er sprach wie so oft nebenbei und erklärte uns Zuschauern einiges, während er mit dem Hengst in einem nicht umzäunten Bereich spielte. Er ließ ihn immer wieder driften und gab ihm keinen Anlass zu streiten, ja nicht einmal zu diskutieren. Er lenkte seine Energie und seinen Bewegungsdrang sanft in Richtungen, die wie zufällig nach und nach als die 7 Spiele zu erkennen waren. Nach nur wenigen Minuten ging das Pferd mal seitwärts hier und dorthin oder zirkelte zunehmend entspannt um Pat herum. Er setzte ihm Grenzen, wurde dabei aber nie hart. Der Hengst lief nie „einfach so“ völlig unerwartet ins Seilende, sondern wusste schon viele Meter vorher, dass bald eine Grenze erreicht ist. Alles war sehr berechenbar für ihn.
Unterm Strich kann ich heute behaupten verstanden zu haben, dass Pat sich nicht wie ein Raubtier verhalten hat und so dem Hengst die Chance gegeben hat sich mehr und mehr ebenso wie ein Partner, und nicht wie ein Fluchttier zu verhalten.

Mensch und Pferd haben jeweils Verantwortungen, denen sie nachkommen müssen, damit das Zusammenleben funktioniert. Beide müssen sich wie Partner verhalten, und eben nicht wie Raub- bzw. Fluchttiere. Pferde handeln sehr stark nach ihren Instinkten, und wenn wir Zeit mit ihnen verbringen wollen, ist es unsere Aufgabe zu lernen, was es bedeutet partnerschaftlich zu sein. Dafür müssen wir unsere Reflexe und Gewohnheiten in geeignete Fähigkeiten umtrainieren. Wir müssen unsere Körpersprache schulen, um mit dem Pferd auf gleicher Ebene kommunizieren zu können. Wir benötigen Hände, die sich langsam schließen und dem Pferd erlauben zu driften damit es nicht klaustrophobisch wird, und sich schnell öffnen sobald das Pferd die richtige Idee oder Antwort hat. Außerdem müssen wir lernen unsere Emotionen zu kontrollieren und klare Grenzen zu setzen, ohne dabei gemein oder wütend zu werden. 

Wenn wir all das nicht schaffen, erzeugen wir eine Anspannung beim Pferd die dazu führt, dass es sich zur Flucht bereit hält oder zum Kampf wappnet. Zum Beispiel durch zu schnelles oder hartes Korrigieren und Einsetzen von Stick oder Gerte, durch festhalten oder gar ziehen an Zügeln und Seilen, durch Klammern beim Reiten, durch Bestrafung usw. 
Anstatt sich zu fragen, warum das Pferd gerade schon wieder nicht das macht was ich möchte, sollten wir uns fragen, ob wir die richtige Frage oder die Frage richtig gestellt haben und ob wir uns in diesem Moment partnerschaftlich verhalten. Wenn wir es schaffen uns partnerschaftlich zu verhalten, kann das Pferd uns lernen zu vertrauen, entgegen seiner Instinkte, und sich so auch zunehmend partnerschaftlich verhalten. Mir hilft der Gedanke und das Wissen darüber, dass Pferde nicht automatisch von sich aus auf Opposition aus sind, sondern wir genau das in ihnen auslösen können. 

Hier kannst du einen Artikel aus dem Parelli Netzwerk zum Thema Oppositionsreflex nachlesen.

Coaching Weise - sanftes Stupsen und Rueckendeckungvom Co-Coach PFerd

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… und yielding ist nicht verhandelbar!
Erfahre hier mehr über eines meiner wichtigsten Learnings aus der Zeit mit Pat auf Parelli Landing.

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Yvonne Weise
1* Parelli Professional
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